BEGEGNEN

Das Herzstück eines Exposure- und Dialogprogramms ist die unmittelbare Begegnung mit armen oder gesellschaftlich ausgegrenzten Menschen, die ihre Lebensbedingungen aktiv zu verbessern suchen.
Für etwa 3 Tage sind die Teilnehmenden in Zweiergruppen (in der Regel eine Frau und ein Mann) bei einer Familie zu Gast. Sie wohnen und schlafen in dieser Familie, erfahren ihren Alltag und erleben ihn mit. Gemeinsam gehen sie zur Arbeit auf das Feld oder in die Fabrik, zum Einkaufen und zum Treffen der Selbsthilfeorganisation, in der die Gastgeber aktiv sind.
Sie setzen sich der Realität der Lebenswelt ihrer Gastgeber aus – daher die Bezeichnung „Exposure“, von to expose (engl.) = sich aussetzen.
Der Aufenthalt bei der Gastfamilie wird von einem oder einer Facilitator/in begleitet. Diese Person hilft bei der Übersetzung, vermittelt kulturelle Unterschiede und kennt die Hintergründe der Selbsthilfeorganisation, in der die besuchte Person aktiv ist.

Bilderreihe: Mitarbeiten und Mitleben im Exposure

 

DREI LEITGEDANKEN prägen die Tage der Begegnung:

  • Hilfe zur Selbsthilfe: Das Exposure erlaubt eine Begegnung von Mensch zu Mensch: Die Gäste treffen die Selbsthilfeakteure. Es sind innovative Menschen, die Strategien zur Überwindung ihrer Situation entwickelt haben, also Träger von Wissen und Können.
  • Ganzheitliche menschliche Entwicklung: Die Besucher erfahren, dass es den gastgebenden Familien bei ihrem Versuch, die Armut nachhaltig zu überwinden, nicht nur um ihre wirtschaftliche Besserstellung geht, sondern um eine ganzheitliche Entwicklung in kultureller, sozialer und politischer Hinsicht.
  • Rahmenbedingungen: Der mühsame und langwierige Weg der Befreiung aus Armut und Unterdrückung vermittelt den Besuchern wichtige Einsichten in die Zusammenhänge zwischen dem individuellen Schicksal der gastgebenden Familie und den jeweiligen gesellschaftlichen, sowie den nationalen und internationalen wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen.

Ein Exposure ist ein intensiver, komplexer Prozess, der intellektuell und emotional fordert.

Ein zentraler Aspekt bei der Begegnung mit den GastgeberInnen ist das Gespräch auf Augenhöhe. Wie dies gestaltet werden kann, dazu haben wir in einer Handreichung die wesentlichen Schritte zusammengestellt, die wir den Teilnehmenden in der Vorbereitung zur Verfügung stellen.

Eine weitere Anregung zur Beschäftigung mit dem Thema Begegnung bietet auch der folgende Text „Zwiesprache - Traktat vom dialogischen Leben“ von Martin Buber.

 

Beobachten, Betrachten, Innewerden

Es gilt drei Arten zu unterscheiden, auf die wir einen Menschen, der vor unseren Augen lebt, wahrzunehmen vermögen. Der Beobachter ist ganz darauf gespannt, den Beobachteten sich einzuprägen, ihn zu “notieren”. Der Betrachter ist überhaupt nicht gespannt. Er nimmt die Haltung ein, die ihm der Gegenstand frei zu sehen gibt, und erwartet unbefangen, was sich ihm darbieten wird.

Dem Betrachter und dem Beobachter ist das gemeinsam, dass sie eine Einstellung haben, eben den Wunsch, den vor unseren Augen lebenden Menschen wahrzunehmen; sodann, dass dieser für sie ein von ihnen selber und ihrem persönlichen Leben abgetrennter Gegenstand ist, der eben nur deshalb “richtig” wahrgenommen
werden kann.

Anders geht es zu, wenn mir, in einer empfänglichen Stunde meines persönlichen Lebens, ein Mensch begegnet, an dem mir etwas, was ich gar nicht gegenständlich zu fassen vermag, “etwas sagt”. Das kann etwas über diesen Menschen sein, zum Beispiel, dass er mich braucht. Es kann aber auch etwas über mich sein.

Die Wirkung dieses Gesagtbekommens ist eine völlig andere als die des Betrachtens und des Beobachtens. Dieser Mensch ist nicht mein Gegenstand. Ich habe mit ihm zu tun bekommen. Vielleicht habe ich etwas an ihm zu vollbringen, aber vielleicht habe ich nur etwas zu lernen, es kommt darauf an, dass ich “ annehme”. Es kann sein, dass ich sogleich zu antworten habe, eben an diesen Menschen hier hin; es kann auch sein, dass dem Sagen eine lange, vielfältige Transmission bevor steht und dass ich darauf anderswo, anderswann, anderswem antworten soll, wer weiß in was für einer Sprache, und es kommt jetzt nur darauf an, dass ich das Antworten auf mich nehme.

Diese Wahrnehmungsweise sei Innewerden genannt.

Martin Buber, Zwiesprache
Traktat vom dialogischen Leben

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